Ein Besuch beim Bäumchen-Flüsterer
Garten und Gewächshaus: Die Bonsai-Stube in Helmste
- Vittinghoff: "Man muss mit ihnen sprechen"
Arnim Vittinghoff in seinem Gewächshaus. Foto
Quäker
Helmste (q).
Dass Arnim Vittinghoff (58) den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht,
ist aus einem Grund nicht zu befürchten: Erheblich zu klein sind und
bleiben die vielen außerordentlich ungewöhnlichen Bäume um ihn herum,
als dass sie ihm die Sicht auf die großen Vorbilder seiner Zöglinge
am Helmster Waldweg, wo er wohnt, versperren könnten. Seine Bonsai-Stube,
wie sie im Internet steht, sucht der Kunde hier vergebens: Was er hegt,
pflegt und anzubieten hat, steht im Garten und im Gewächshaus - wenn
er damit nicht gerade auf einer Ausstellung oder Messe ist.
Dem Bonsai
gilt Vittinghoffs Begeisterung seit rund 30 Jahren. Bonsai, das ist
die im Fernen Osten beheimatete Kunst, Mensch und Natur in Harmonie
in verkleinerter Form darzustellen. Bonsai, das ist die den Menschen
symbolisierende Schale und der Baum, der in ihr gezogen, durch Schnitte
und kunstvolle Eingriffe gestaltet und zur formvollendeten Kleinwüchsigkeit
erzogen wird. Am artgerechten Standort und bei sorgfältiger Pflege können
Bonsai-Bäume mehrere hundert Jahre alt und sehr wertvoll werden. "Man
muss ihnen zuhören und mit ihnen sprechen", sagt Vittinghoff.
Nur etwa
die Hälfte aller Bonsais, die er im Angebot hat, stammen aus eigener
Zucht. Die andere Hälfte kauft er in Holland ein, vor allem tropische
und subtropische Arten wie Pfeffer- und Teebaum und chinesischer Liguster.
Auf den Zukauf ist Vittinghoff vor allem angewiesen, weil ein Bonsai
mehrere Jahre intensiver Pflege braucht, um sich vom Steckling zur Baumschönheit
zu entwickeln.
An einem werdenden Bonsai arbeitet er genau nach Plan:
In einer Zeichnung sind Stammhöhe und angestrebte Kronenform schon frühzeitig
festgelegt, entsprechend greift er immer wieder korrigierend in den
Wuchs ein. Wer es versteht, könne aus jedem Samen oder Steckling einen
Bonsai werden lassen, sagt Vittinghoff. Die Mini-Birke, die er gerade
in Arbeit hat, braucht nach seiner Einschätzung noch 20 Jahre, bis sie
den für sie typischen weißen Stamm zeigt.
Liebe auf den ersten Blick
sei es gewesen, erinnert sich Vittinghoff, als er im Heidelberger Bonsai-Museum
erstmals bewusst den Miniaturbäumen begegnete. Zu einem Bonsai-Seminar
kehrte er bald darauf nach Heidelberg zurück und entwickelte sich dann
zielstrebig zum Experten. Nachdem der Tischler und Einzelhandelskaufmann
vor acht Jahren seinen Arbeitsplatz verloren hatte, wurde aus dem Hobby
mehr. Den Bonsai-Handel betreibt er heute mit Unterstützung seiner Ehefrau
mit gutem Erfolg.
Arnim Vittinghoff verkauft auf Messen, Ausstellungen,
via Online-Shop und nach Vereinbarung direkt im Waldweg 21 in Deinste-Helmste,
0 41 49/ 72 46 oder 01 62/ 9 77 75 16.
„Bürger“ als begrünte Einkaufsmeile
Mitte (yvo). Eine neue Grünanlage mit schickem
Stein vor der Großen Kirche? Mitnichten. Die grüne Oase ist
lediglich ein portables Ausstellungsstück der Gartenschau „Querbeet“.
Haltbarkeit des Ganzen: Bis Sonntagabend. Solange ist die „Bürger“
nämlich begrünt. Danach wird wieder abgebaut.
„Bürger“-Händler mit Ständen auf der Straße,
Gartenbaufirmen mit massig Pflanzen, Buden mit Bratwurst oder Süßem.
Ganz klar. Es sind der „Bürgerbummel“ und die Gartenschau
„Querbeet“ erstmals im Doppelpack unterwegs: die Hochzeit
der zwei Veranstaltungen soll für ordentlich Besucher sorgen. „50
000“, erhofft sich Werner Michael vom City Skipper „pro
Tag“. Ob es tatsächlich so viele Flaneure und Kauflustige
werden, weiß er allerdings nicht. Am Eröffnungstag gab es
reichlich Besucher, allerdings auch reichlich Regen – im fünf
Minutenwechsel mit Sonnenschein.
„Wir wollten den Bürgerbummel schon immer weiterentwickeln“,
so Michael. So habe es gut gepasst, die Gartenschau, die 2005 im Kapitänsviertel
startete, zu integrieren, die das Angebot des Bürgerbummels um
Pflanzen, Gartenmöbeln und Accessoires bereichere. So hat Arnim
Vittinghoff beispielsweise Apfelbaum, Dreispitzahorn und sogar Mammutbäume
en miniature im Angebot. Was Bonsai übersetzt heißt, weiß
er auch. Nicht etwa „kleiner Baum“, nein, vielmehr „Baum,
auf dem Tablett gepflanzt“. Ganz zufrieden ist er auch. Zwar säßen
die Gelder in der 20-, 30-Euro Preisklasse noch nicht so locker, aber
er habe Umsatz gemacht und das Interesse der Kunden sei groß..
Das Konzept kommt an, bei Thea Wege beispielsweise auf jeden Fall.
Sie wollte einfach nur kurz einkaufen. Jetzt hat sie sich spontan für
einen Rittersporn entschieden, den die 48-Jährige nach Hause schaffen
wollte. „Mit den ganzen Pflanzen kommt richtig Urlaubsstimmung
in der Innenstadt auf. Das ist toll“, sagt sie. Am Sonntag will
sie auf alle Fälle noch einmal dabei sein. „Dann bringe ich
mehr Zeit mit“, sagt sie.
Schnipp-schnapp – Zweiglein ab
Bonsai-Freak Arnim Vittinghoff aus Helmste sieht seinen
Bäumen liebend gerne beim Wachsen zu
Es ist nicht zu übersehen: Arnim
Vittinghoff liebt seine Bonsais. Hier zupft er mit der Bonsai-Schere
vorsichtig ein Blättchen aus einer 30-jährigen chinesischen Ulme. Foto:
Knappe
Helmste (knk).
Otto Normalverbraucher ist stolz auf üppig wachsende Pflanzen: Was
ewig klein bleibt, „mickert“ vor sich hin. Arnim Vittinghoff
aus Helmste tickt anders. Er beobachtet zwar gerne seine Bäume und
Gehölze beim Wachsen und das mit Andacht und Ausdauer – aber
groß werden, das sollen sie nicht. Sondern, im Gegenteil, schön
klein bleiben.
Denn Vittinghoff ist Bonsai-Freak. „Die Ehrwürdigkeit des
Baumes“ – die fasziniert ihn. Nachdem der 53-Jährige
vor drei Jahren seinen Angestellten-Job in einem Möbelhaus verlor,
hat er sich 2004 mit seiner Bonsai-Stube selbstständig und sein
Hobby zum Beruf gemacht. Seinen Lebensunterhalt könnte er davon
zwar noch nicht bestreiten. Aber es macht Spaß. Als junger Selbstständiger
in Sachen Bonsai bietet der Helmster Pflanzen, Zubehör, Pflegetipps,
Schnitt und Urlaubspflege an, steht mehrmals in der Woche vor Verbrauchermärkten
in Harsefeld, Stade und Buchholz.
„‘Bonsai‘ bedeutet eigentlich, Baum in der Schale‘“,
erläutert Vittinghoff. Die chinesische Tradition ist älter als
1000 Jahre und wurde später in Japan weiterentwickelt: Normale Pflanzen,
Bäume oder Gehölze, werden regelmäßig so geschnitten,
dass sie klein bleiben und dabei doch formschön die ursprüngliche
Wuchsform widerspiegeln. Auch das Wurzelwachstum dieser Miniaturgewächse
passt sich über die Jahre hinweg langsam dem kärglichen Raumangebot
an. Bonsais können mehrere 100 Jahre alt werden und wurden traditionell
von Generation zu Generation weitergegeben.
Vor etwa 20 Jahren – bei einem Besuch im Heidelberger Bonsai-Museum
– fing Arnim Vittinghoff Feuer. Er gestaltete seine ersten Bonsais.
„Erst habe ich wie ein Gärtnerlehrling Stecklinge im Wald
gesammelt, später halbfertige Bonsais oder gedrungene Pflanzen
aus Gärtnereien geholt, die dort sonst auf dem Müll gelandet
wären“. „Man kann fast aus allen Bäumen und Gehölzen
einen Bonsai gestalten“, sagt Vittinghoff und zählt auf,
welche Pflanzen er schon zur Miniatur gemacht hat: Unter anderem Kiefern,
Teebäume, Buchen, Birken, Ulmen, Pfennigbäume, Wacholder,
Olivenbäume, Pfefferbäume, Fuchsien, Pistazien. „Von
Haus aus sind Pflanzen mit kleineren Blättern besser geeignet.
Bei europäischen und asiatischen Nadelgehölzen bevorzuge ich
deshalb meist die asitatischen, weil die kleinere Blätter haben.
Kastanien eignen sich weniger als Bonsai: Die riesigen Blätter
und der kleine Baum – da stimmen die Proportionen nicht“,
erzählt Vittinghoff. Die ersten zwei bis vier Jahre lang darf die
Pflanze „normal“ wachsen. Dann kommt der erste Schnitt.
Dort, wo die Spitze gekappt wird, wächst der Baum einige Jahre
lang neu aus, da muss sorgsam nachgeschnitten werden. „Wichtig
ist, dass man das Wuchsbild, das man erzielen will, vorher schon im
Kopf hat. Ich habe es mir manchmal auch auf ein Blatt Papier skizziert“,
verrät Vittinghoff.
Das A und O sind der richtige Schnitt, regelmäßiges Umtopfen
und Jahre der Geduld. Gedüngt wird normal, bloß Stickstoff-Gaben
werden stark reduziert. „Am Anfang war ich noch sehr ungeduldig.
Und habe auch manchen Baum verschnitten. Das ist so bei Anfängern.
Dann habe ich gelernt abzuwarten.“
Jetzt, als Bonsai-Profi, beobachtet er manchmal über Wochen, wo
und wie seine Bäumchen treiben, und überlegt dabei, welche Blättlein
und welche Triebe mit der Bonsai-Schere geschnitten beziehungsweise „herausgezupft“
werden.
Manche Zweige werden für eine Wuchsperiode mit Drähten in
Form gebogen oder mit Bleigewichten beschwert, damit sie später herabhängen:
„Bei großen Bäumen hängen beispielsweise die unteren
Zweige oft herunter“.
Das soll bei der Miniatur-Ausgabe nachempfunden werden. Dem asiatischen
Vorbild entsprechend werden aus Hauptästen oft mehrere „Etagen“
gestaltet; eine ungerade Zahl sollte es möglichst sein. Es gibt diverse
Formen, von der Besenform bis zum Bonsai-Wald mit mehreren Pflanzen in
einer Gruppe. Nadelgehölze gelten als besonders schwierig im Schnitt.
Bonsai-Freunde treffen sich gerne, um dann zusammen über den passenden
Schnitt für einen mitgebrachten Baum zu beraten: Form-Ästheten
unter sich.
Inzwischen hat Vittinghoff um die 200 Bonsais, darunter mehr als 20
verschiedene Sorten. Auf 36 Jahre bringt es sein roter Fächerahorn.
Und ist immer noch ein Baby-Bonsai im Vergleich zu manchen 500 Jahre
alten Miniaturen. Bonsais sind wertvoll: Zwar bietet Vittinghoff absolute
Jungpflanzen schon ab sieben Euro an. Aber die 30-jährige chinesische
Ulme würde schon um die 600 Euro kosten, der 36-jährige Fächer-ahorn
1000 Euro. Die Preise für Bonsais richten sich nach Alter, Form
und Wüchsigkeit der Pflanzen. „Einige Sammler verstecken
ihre schönsten Stücke auch, weil sie so wertvoll sind, bis
zu 10 000 Euro kosten“, weiß Vittinghoff.
Ganz wichtig: Bonsais in ihren kleinen Töpfen dürfen nicht
austrocknen. Einen Spruch von Ratsuchenden hat er schon oft gehört:
„‘Ich hatte auch mal einen Bonsai, der ist aber eingegangen‘.
Das kommt daher, weil in den Supermärkten schnell hochgepowerte
und früh gekappte Importware aus Asien angeboten wird, die oft lange
in den Märkten steht, wo sie nicht entsprechend gepflegt wird. Außerdem
landen viele Bonsais wie andere Topfpflanzen in der Wohnung, obwohl sie
nach draußen gehören und die Käufer wissen nichts über
die Pflege“, so Vittinghoff.